Geschichte (Ausführliche Fassung).
Aus der Vereinsgeschichte
des Musikverein Egringen (1908-heute)
von Hermann Gerdesmeier / Ulrich Senf
Es galt lange Zeit als gesichert, daß die Gründung
des Musikvereins Egringen auf das Jahr 1908 zurückgeht.
Doch sind erstmals bei den Vorbereitungen zum Jubiläumsfest
im Jahre 1978 Zweifel über das Gründungsjahr aufgetaucht.
Pfarrer a.D. Raupp, während des deutsch-französischen
Krieges 1870/71 Seelsorger in Egringen, veröffentlichte
1911 in einer Lörracher Zeitung einen Bericht über
ein Sieges- und Friedensfest in Egringen am 12. März 1871.
In diesem Bericht heißt es: "Etwa um 12 Uhr stellte
sich der Festzug unter Vorantritt der hiesigen Blechmusik
und
sodann der Schuljugend vor dem 'Rebstock' auf."
Nun war ja bisher schon bekannt, daß unser Verein einen
Vorläufer im 19. Jahrhundert hatte. Dies war eine im Jahr
1867 gegründete sechs Mann starke Musikkapelle, die hauptsächlich
bei Hochzeiten zum Tanz aufspielte. Ob diese Kapelle bei der
Siegesfeier mitwirkte, oder ob es doch schon ein Art Musikverein
gab, konnte noch nicht geklärt werden, da weitere Aufzeichnungen
aus dieser Zeit vorläufig fehlen. Gesichert scheint nur,
daß sich diese Tanzkapelle 1892 aufgelöst hat, so
daß die Tradition doch wohl bis zum Jahre 1908 unterbrochen
war.
Noch einige Worte zu dieser 6-Mann-Kapelle: Es müssen tüchtige
und beliebte Musiker gewesen sein, denn ihr Wirkungsbereich
erstreckte sich bis in die Schweiz und ins Oberelsaß.
So ist es bei den damaligen Verkehrsverhältnissen verständlich,
wenn die Musikanten oft tagelang unterwegs waren. Tagelang!
Das müßte doch eigentlich ein Trost für die
Frauen unserer Musiker sein, wenn sie -was ja nur selten vorkommt-
einmal etwas l änger auf die Heimkehr der fröhlichen
Musikanten nach Probenschluß warten müssen.
Reinhard Becherer -der getreue Chronist des Vereins- erzählt
in seinen Erinnerungen, daß einstmals einer dieser Musikanten
im Wollbacher Wald beim Holzmachen war. Da erreichte ihn die
Nachricht, daß er sofort heimkommen müsse, denn es
sei ein Ruf aus Münchenstein in der Schweiz eingegangen,
dort -vermutlich bei einer Hochzeit- zu musizieren. Der Holzmacher
eilte heimwärts, und bald darauf setzte sich die Kapelle
im Sonntagsgewand in M arsch nach dem ca. 25 Kilometer entfernten
Müchenstein. Von dort kehrten sie erst nach Tagen frohgemut
und gut honoriert zurück.
Diese sechs Männer müssen "Frau Musica"
sehr geliebt haben. Eine ältere Egringerin hat mir erzählt,
daß ihr Vater, der auch zu dieser Kapelle gehörte,
in Tränen ausgebrochen sei, als er im Ersten Weltkrieg
bei einer Buntmetallsammlung sein Instrument abgeben mußte.
Die Liebe zur Musik haben diese sechs Musikanten aber doch
wohl
auf ihre Nachkommen vererbt, wie man heute noch bei jedem
Auftritt des Musikvereins feststellen kann. Zur eigentlichen Vereinsgeschichte
In unserem Dorf, wo das Wort Tradition noch einen guten Klang
hat, ist ja in vielen Familien bekannt, daß der Großvater
oder der Vater treues Mitglied oder Förderer des Vereins
waren. Im fogenden werden einige hervorragende Männer
erwähnt, denen der Verein b esonders viel verdankt. Aber
auch diese hätten nichts erreichen können ohne die
fleißige Mitarbeit der Musiker, ohne tüchtige Dirigenten,
ohne die treue Arbeit der Vorsitzenden, der Schriftführer
und der Rechner und nicht zuletzt ohne die vielleicht nicht
so ins Auge fallende Hilfe vieler Männer und Frauen des
Dorfes. Viele deckt schon längst der grüne Rasen,
und doch sollten wir uns in diesem Jubiläumsjahr in Dankbarkeit
an sie erinnern, denn der Verein hätte seinen heutigen
Stand nicht erreicht o hne ihre Unterstützung.
Doch nun zur eigentlichen Vereinsgeschichte: in den Jahren
1906 und 1908 fanden hier zwei Bauernhochzeiten statt, bei
denen Kapellen aus Schliengen bzw. Hammerstein aufspielten.
Damals haben sich wohl einige gesagt: "Was die können,
können wir auch." Und jetzt taucht zum ersten Mal
der Name des Mannes auf, den wir als "Vater des Musikvereins
Egringen" betrachten können. Es war der Schuhmachermeister
Reinhard Keller. Er und sein gleichnamiger Sohn rührten
nun mit großem Eifer im Dorf die Werbetrommel. Erfolge
und Rückschläge wechselten. Reinhard Becherer berichtet
in seinen E arinnerungen: "...denn wenn auch niemand
sich gerade feindlich gegenüber dem Verein zeigte, so
wurde dessen Gründung vielfach mit etwas Mißtrauen
aufgenommen."
Aber der Zähigkeit des Reinhard Keller gelang es schließlich
doch, sechs junge Männer zwischen 14 und 19 Jahren zu
finden, die sich in den Dienst der guten Sache stellen wollten.
Es wurde ein Vertrag geschlossen -gewissermaßen die
Geburtsurkunde des Vereins-, den folgende Gründungsmitglieder
unterschrieben:
Adolf Enderlin, Adolf Brunner,
Fritz Leisinger, Reinhard Becherer,
Reinhard Keller jun., Karl Walser.
Zur Beschaffung der meist gebrauchten Instrumente wurde ein
Darlehen von 300 Mark aufgenommen, für das die Väter
der Jungmusiker bürgen mußten. Gesang- und Militärverein
u nterstützen die Neugründung durch je 50 Mark.
Diese Schulden sollten später durch musikalische Leistungen
getilgt werden.
Reinhard Keller sen. nahm eine Sonderstellung ein. Er, formell
gar nicht Migtlied, war d ie Stütze und Seele des jungen
Vereins. Er spielte auf dem Flügelhorn mit und betätigte
sich auch als Aushilfsdirigent. Als erster Dirigent konnte
Fidelius Dehner aus Basel, ein ehemaliger deutscher Militärmusiker,
gewonnen werden. Die Proben fanden in der Werkstatt des Reinhard
Keller statt, und der Dirigent verlangte für eine Probe
6,50 Mark. Da der Verein finanziell auf so schwachen Füßen
stand, mußte jedes Mitglied eine Mark in die Proben
mitbringen. Das war für die damalige Zeit ein fühlbares
Opfer.
Der Fleiß und die Begeisterung der jungen Musiker brachten
den Verein bald soweit, daß e r bei Wald- und Gartenfesten
oder bei einfachen Tanzbelustigungen hier und in der näheren
Umgebung auftreten und mit den bescheidenen Einnahmen seine
drückenden Schulden t ilgen konnte. Dieser erfreulichen
Entwicklung machte der Erste Weltkrieg ein jähes Ende.
Alle Musiker leisteten Kriegsdienst, aber nur drei kehrten
aus dem großen Völkerringen gesund zurück.
Reinhard Kellers Tatkraft war aber ungebrochen, und zusammen
mit Reinhard Becherer ging er nach dem Krieg an den Neuaufbau
des Vereins. Dieser Wiederbeginn stand unter einem guten Stern.
Die Zahl der aktiven und passiven Mitglieder nahm erfreulich
zu. Da traf den Verein im Jahre 1924 ein schwerer Schlag:
Reinhard Keller, der unermüdliche Förderer und Vater
des Vereins, schloß für immer die Augen. "Seine
Verdienste um den Verein werden unvergessen bleiben",
schreibt Reinhard Becherer. Reinhard Keller fand aber würdige
Nachfolger, die das so schön begonnene Werk weiterführten.
Damals erlebte das deutsche Volk schwere Zeiten. Öfters
ist in den Protokollen davon die Rede, daß man mit Rücksicht
auf die allgemeine Notlage auf größere Feste verzichten
wolle. So war es zum Beispiel im Jahre 1923, als infolge der
Inflation mit Milliarden und Billionen gerechnet wurde. Aber
schon bei der Jahresschlußfeier im Jahre 1923 gab es
ein wertbeständiges Notgeld, und so wurde der Eintritt
auf 40 Pfennige festgesetzt.
Aber auch heitere Episoden gab es in dieser Zeit. So wird
von einem Besuch beim Musikverein Bellingen berichtet. Bei
dieser Gelegenheit brachten die Egringer Musiker auch dem
Grafen von Andlau in seinem Park ein Ständchen. Wie der
damalige Protokollführer berichtet, spendete der Herr
Graf als Dank einen erstklassigen Wein, und jeder Musiker
durfte eine anormal große Zigarre in Empfang nehmen.
Damals begann auch die Tradition der Waldfeste, die leider
-es ist alles schon einmal dagewesen- oft verregnet waren.
Aber, so wird auch berichtet, beim Aufräumen gab es immer
viel Spaß!
1929 fand in Egringen ein Bezirks-Barbara-Fest, ein Treffen
der ehemaligen deutschen Artilleristen, statt. Nach einem
Umzug durchs Dorf wurde im "Rebstock" gefeiert,
"wo bei Musik, Gesang und Kanonendonner (!) die ganze
Veranstaltung nur zu rasch ein Ende fand." Wenn es so
laut herging, waren die Nachbarn sicher nicht böse ´über
das rasche Ende der Veranstaltung. Im Jahre 1930 wurde der
traditionelle Herbstausflug wegen der allgemeinen Notlage
von den Mitgliedern entschieden abgelehnt. Es wurde auch keine
größere Winterveranstaltung abgehalten. 1932 wurde
wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage der Jahresbeitrag
von 4 Mark auf 3 Mark herabgesetzt. Um wieder etwas Geld in
die Kasse zu bringen, wurde im "Rebstock" ein öffentlicher
Tanzabend veranstaltet. Das Fest war schlecht besucht. Einnahme
von Nichtmitglieder: 8 Mark.
Die Zwanzigerjahre waren, wenn man an die wirtschaftliche
Lage denkt, sicher keine "goldenen Zwanziger". Aber
in dem Maße, wie sich die wirtschaftlichen Verhältnisse
besserten, blühte im damaligen Deutschland ein Kulturleben
auf, wie wir es vorher und nachher kaum erlebten. Diese kulturelle
Blütezeit in der vielgeschmähten Weimarer Republik
wirkte sich bis ins kleinste Dorf aus. In dieser Zeit führten
Musik- und Gesangverein bekannte Dramen auf, die beim Publikum
so großen Anklang fanden, daß sie fast immer wiederholt
werden mußten. In diesem Zusammenhang muß der
Name Robert Müller erwähnt werden, der die mühevolle
Einstudierung dieser oft anspruchsvollen Werke übernahm.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Tradition wieder aufgenommen,
wobei Rudolf Becherer zeitweise Regie führte.
Zu Beginn der Dreißigerjahre fielen dunkle Schatten
auf die erfreuliche Entwicklung des Vereinslebens. Am Schluß
des Jahresberichtes 1932, der von Fritz Jost als Erstem Vorsitzenden
und Gustav Weiß als Schriftführer unterzeichnet
ist, stehen die mahnenden u nd beschwörenden Worte: "Mit
dem Wunsche, daß unser Verein sich auf seinem Stande
weiterentwickeln und gedeihen möge und nicht durch Politik
und Parteienhaß seine Fundamente zerstört werden,
können wir getrost dem Jahre 1933 entgegensehen."
(Im Protokoll unleserliche Wörter habe ich versucht,
sinngemäß zu ergänzen.)
Nun, zerstört wurden die Fundamente des Vereins nicht.
Aber den neuen Herren ab 1933 mußten natürlich
auch unsere Egringer Musiker Tribut zollen. Aus dem guten
demokratischen Vorsitzenden wurde der Vereinsführer.
Bei allen möglichen Veranstaltungen der NSDAP wie Fackelzügen
und Propagandamärschen mußten die Musiker mitwirken.
Zu ihren Aufgaben gehörte auch die musikalische Umrahmung
von Führerreden, deren Rundfunkübertragung man im
Rathaussaal gemeinsam lauschte. Und doch habe ich Zweifel
an der "Linientreue" der damaligen Musiker. In den
Protokollen aus dieser Zeit wird immer wieder die Teilnahme
an "Aufmärschen zum 1. Mai" in Weil erwähnt.
Es fehlt aber nie die Bemerkung "gegen gute Bezahlung".
Also, Parei hin, Partei her, ich glaube, der Verein und seine
Kasse waren öffensichtlich wichtiger.
1933 war Jubiläumsjahr. Die Verantwortlichen beschlossen,
das 25-jährige Bestehn des Vereins nur in kleinem Rahmen
mit einem Gartenfest zu feiern. Während dieser Veranstaltung
spielten sieben Mitglieder auf den alten Instrumenten von
1908 die ersten beiden Märsche, die die Kapelle damals
eingeübt hatte. Im Protokoll steht: "Die Bläser
wurden vom Publikum mit tosendem Beifall belohnt!"
Als Herr Kappel im Jahre 1935 das Dirigentenamt übernahm,
schreibt der Schriftführer: "Wir hoffen, daß
Herr Kappel unseren Verein eine Stufe höher bringt, und
das ist bei uns nur mit Strenge und militärischer Disziplin
möglich".
Da müssen ja schöne Zustände geherrscht haben,
wenn urchige Markgräfler nach preußischem Drill
verlangten. Aber dem damaligen Schriftführer kamen dann
doch wohl Zweifel an der Nützlichkeit militärischer
Strenge für sich uns seine Kameraden, denn er fährt
fort: "Es wird aber einige Zeit dauern, bis das bei uns
in Fleisch und Blut übergegangen ist."
Weil gerade von preußischem Drill die Rede war: Der
Lieblingsmarsch des Sonnenwirts Jakob Müller war "Preußens
Gloria", und weil Herr Müller jedesmal einen Doppelliter
spendierte, wenn ihm zu Ehren dieser Marsch ertönte,
hieß er bei den Musikern nur noch der "Doppelliter-Marsch".
(Daß der Marsch bei großem Durst mehrmals hintereinander
gespielt wurde, ist aber wirklich nur ein Gerücht!)
In den Berichten dieser Jahre spiegelt sich das rege Vereinsleben
wieder: Weinselige Feste, Promenandenkonzerte, Ständchen
und Besuche bei benachbarten Vereinen. Besonders z u erwähnen
ist das Musikfest in Freiburg im Jahre 1933, bei dem der Verein
unter dem Dirigenten Knocheln einen 1a-Preis erringen konnte.
Und doch warfen auch hier die kommenden Ereignisse ihre Schatten
voraus, denn immer wieder wird erwähnt, daß Kameraden
den "grauen Rock" anziehen und ihre Wehrpflicht
genügen müssen, was der Arbeit im Verein natürlich
nicht gerade förderlich war. 1938 wird die Beschaffung
von Uniformen beschlossen, aber es sollte nicht mehr dazu
kommen. Der Jahresbericht 1939 erzählt unter dem Datum
vom 30. Juli von der Teilnahme an der Uniform-Einweihung in
Wollbach. Mit humorvollen Worten berichtet der schriftführer
vom Heimweg, der zu Fuß gemacht werden mußte,
wie dem Chauffeur die Telegrafenmasten im Wege standen. Und
dann brechen die Aufzeichnungen ab...
Man kann diese letzten fröhlichen Berichte nicht ohne
Erschütterung lesen, wenn man sich vor Augen führt,
wieviel Not und Elend der ausbrechende Krieg über unser
Volk und u nser Land brachte. Und es ist von besonderer Tragik,
daß der Schreiber dieser letzten Zeilen, Gustav Weiß,
in den letzten Kriegstagen im Heimatdorf sein Leben lassen
mußte.
Der Zweite Weltkrieg war ein furchtbarer Aderlaß für
den Verein. Acht aktive Musiker kehrten aus dem blutigen Völkerringen
nicht mehr zurück.
1945, nach dem Zusammenbruch, war an eine Vereinstätigkeit
nicht zu denken, denn die Militärregierung erklärte
zunächst alle bestehenden Vereine für aufgelöst.
Als aber 1946 unter gewissen Voraussetzungen Vereinsgründungen
möglich wurden, setzte sich d er frühere Vorsitzende
Gustav Walser sofort aktiv für eine Neugründunge
ein. Er fungierte auch als Dirigent, bis sein Bruder Hans
Walser aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Beide haben
sich große Verdienste um den Verein erworben. Ihnen
ist es in erster Linie zu verdanken, daß die Kapelle
in wenigen Jahren die stolze Zahl von 30 a ktiven Musikern
hatte und bei jedem öffentlichen Auftreten Lob und Anerkennung
fand.
Der schönste Anlaß zu einem Ständchen war
damals, wenn man wieder für einen Heimkehrer aus der
Gefangenschaft spielen durfte.
Allmählich vernarbten die furchtbaren Wunden des Krieges,
und auch die wirtschaftliche Lage wurde nach 1948 rasch besser.
Dem Schriftführer erschien es in diesem jahr besonders
bemerkenswert, daß es bei einem Fest Wurst und Brot
gab.
Die folgenden Jahre standen im zeichen erfreulicher Aufwärtsentwicklung
unter dem tüchtigen Dirigenten Rohrbeck. Im Jahre 1955
bekamen die Musiker schucke Uniformen, was dann anläßlich
eines Ausfluges nach Freudenstadt dazu führte, daß
man unsere strammen Egriner Musikanten für Angehörige
der Bundeswehr hielt.
1958 war wieder Jubiläumsjahr; der Verein feierte sein
50-jähriges Bestehen. Nach monatelangen Vorbereitungen
wurde das Fest zu einem großen Erfolg. Schneidige Fanfarenmärsche
eröffneten die festlichen Tage. (Diese Fanfaren waren
Geschenke der Gemeinde und des Gesangvereins.) Reinhard Becherer,
Ehrenmitglied und Mitbegründer des V ereins, berichtete
aus der Vereinsgeschichte.
Im September 1958 wirkte der Musikverein bei der 1200-Jahr-Feier
mit, einem großen Ereignis für unser Dorf.
Ich glaube, zu den wichtigen Ereignissen in den nun folgenden
Jahren muß man auch den D irigentenwechsel 1963 zählen.
Unter der Stabführung des Herrn Schuler war es für
alle Freunde der Blasmuik eine Freude, die stetige Aufwärtsentwicklung
zu bobachten. Großen Anteil daran hat auch der ehemalige
Vizedirigent und Jugendausbilder Siegfried Wenk, der nun seit
1977 den Taktstock schwingt. Herr Schuler wurde für seine
großen Verdienste um den Verein zum Ehrendirigenten
ernannt.
Nachdem die Uniformen aus dem jahre 1967 doch allmählich
ausgedient hatten, und auch der "Militär-Look"
nicht mehr zeitgemäß erschien, mußte die
Vorstandschaft unter dem damaligen 1. Vorsitzenden Helmut
Sutter und der Verein wohl oder übel für 1978 die
Anschaffung einer neuen Einheitsbekleidung planen. Dieses
kostspielige Vorhaben in Angriff zu nehmen, wurde den Verantwortlichen
wohl auch dadurch erleichter, daß sie auf die oft erprobte
Treue der Mitglieder bauten. Und dieses Vertrauen wurde nicht
enttäuscht! Das finanzielle Ergebnis der Spendenaktion
war überwältigend und bewies den aktiven Musikern
wieder einmal, daß sie ihre kostbare Freizeit nicht
umsonst opfern, und daß ihre Arbeit vom ganzen Dorf
anerkannt wird.
" Saure Wochen! Frohe Feste!" Seit man auf die so
oft verregneten Waldfeste verzichtete und statt dessen alljährlich
ein Fest auf dem Platz an der Feuerbachstraße v eranstaltet,
wurde dieses Sommerfest des Musikvereins zu einem Höhepunkt
im dörflichen Jahresablauf. Viele befreundete Vereine
kommen immer wieder gern, auch aus der benachbarten Schweiz,
da über die Grenze hinweg gutnachbarliche Verbindugen
zur Musikgesellschaft "Madrisa" aus Klosters-Dorf
bestehen. Auch mit dem Jodlerclub aus Wasen im Emmental fühlt
sich unser Verein freundschaftlich verbunden. Nach Besuchen
und Gegenbesuchen der Vereine gibt es auch zwischen Gastgebern
und Gästen auf privater Ebene herzliche Beziehungen.
Das Jahr 1982 brachte einen Höepunkt im musikalischen
Bereich. Der Verein nahm nach längerer Unterbrechung
wieder einmal an einem Wertungsspiel des Alemannischen Musikverbandes
teil. Es war ein Wagnis, aber die Kapelle wurde für die
Oberstufe gemeldet. Großartiger Einsatz der Musiker
und gewissenhafte Vorbereitung durch den Dirigenten Siegfried
Wenk führten zum Erfolg.
Am 23. Mai errang der Verein beim Wertungsspiel in Hauingen
mit den Stücken "Das Tor zum Süden" von
Dieter Herborg und "Ungarische Fantasie Ne. 2" von
Gustav Lotterer einen 1. Rang mit Auszeichnung. Wahrhaftig
ein großer Tag in der 75-jährigen Geschichte des
Vereins!
Mit einem viertägigen Fest feierte der Musikverein im
Juli 1983 sein 75-jähriges Bestehen. Der damalige Vorsitzende
Wolfgang Meier hatte mit dem Organisationsteam ganze Arbeit
geleistet und ein Programm auf die Beine gestellt, das viele
Gäste zu den verschiedenen Veranstaltungen auf den Festplatz
lockte. Die Verbundenheit der Egringer Vereine untereinander
dokumentierte sich in der Mitwirkung des Gesangvereins und
der Volkstanz- und Trachtengruppe beim Festakt. Zu einem echten
Höhepunkt geriet am Sonntag der Sternmarsch durch das
Dorf, an dem eine große Zahl von Musikvereinen mitwirkte
– "bei strahlendem Sonnenschein", wie dazu
ausdrücklich im Protokollbuch vermerkt ist. Knapp zwei
Jahre später gab Dirigent Siegfried Wenk den Taktstock
ab - sein Abschiedskonzert rief noch einmal die schönsten
Momente der langjährigen Dirigententätigkeit in
Erinnerung: Märsche und vor allem Arrangements von großen
Opern- und Operettenmelodien sowie klassische Ouverturen gehörten
zu den beliebten Programmen des Musikvereins. Mit dem Wechsel
zu Ulrich Winzer, der frisch von der Hochschule kommend in
Egringen und zeitgleich in Wollbach seine ersten Orchester
übernahm, verband sich ein tiefgreifender Generationswechsel
– in musikalischer Hinsicht ebenso wie auch bei den
Spielern. Das neue Musizieren, die konsequente Hinwendung
zu originaler Blasmusikliteratur war nicht jedermanns Sache
und ließ manchen der älteren Spieler den aktiven
"Dienst" quittieren. Gleichwohl war die knapp zweijährige
Zusammenarbeit, die Winzer im Dezember, unmittelbar
nach dem Jahreskonzert 1987 aufkündigte, eine prägende
Zeit für den Musikverein, ebnete sie doch den Weg für
Winzers Nachfolger, Otto Hildebrand. Noch aus einem ganz anderen
Grund blieb die kurze Zeit manchem in besonderer Erinnerung
– allerdings hat der nichts mit der Musik zu tun. 1986
übernahm nicht nur Hans Grässlin das Amt des Vorsitzenden.
In diesem Jahr gab es auch erstmals frisch gezapftes Bier
auf dem Musikvereinsfest – eine Neuerung, die heute
niemand mehr missen wollte. Als gerade einmal 27-jähriger
Musiker kam Otto Hildebrand nach Egringen und setzte die Entwicklung,
die Winzer eingeleitet hatte, über mehr als ein Jahrzehnt
fort. Beharrlich bildete er sich selbst an der Musikakademie
in Trossingen fort, und wendete das dort erarbeitete auch
sofort im Orchester an. Wenn auch bisweilen experimentellere
Werke, die Hildebrand mit ins Programm aufnahm, beim Publikum
– und teils auch bei den Musikern selbst – für
Irritationen sorgten, so fand das musizieren des Musikvereins
doch in Fachkreisen immer größere Beachtung. Vollends
Bestätigung fand man am 24. April 1994 beim Wertungsspiel
des Alemannischen Musikverbands in Haagen. Mit dem Pflichtstück
"Flashing Winds" von Jan van der Roost und dem Selbstwahlstück
"Ouvertüre 2000" von Hank van Lijnschooten,
errang der Musikverein einen 1. Rang mit Belobigung in der
Oberstufe – und selbst diese Bewertung schien manchem
Zuhörer angesichts der Leistung der Egringer noch zu
tief gegriffen, so dass Otto Hildebrand sogar offiziell Protest
einlegte. Großen Anklang fanden in diesen Jahren immer
wieder die Doppelkonzerte, zu denen man sich mit verschiedenen
Vereinen zusammen tat. Dabei entwickelten sich Freundschaften,
die teils bis heute Bestand haben. Der in den 70er Jahren
geknüpfte Kontakt zur Musikgesellschaft Madrisa Klosters,
den der damalige Vorsitzende Helmut Sutter durch eine Urlaubsbekanntschaft
mit dem dortigen Vorsitzenden aufgebaut hat, wird noch immer
gepflegt. Nach dem ersten Besuch und Gegenbesuch Mitte der
70er Jahre, beim zweiten Musikvereinsfest,
traf man sich erneut Ende der 80er Jahre und auch im Jahr
2003/2004 besuchten sich die Vereine. Nur noch auf privater
Ebene lebt hingegen jener Kontakt fort, den man zum Jodler-Club
Wasen knüpfte, und auch jener zur Blaskapelle St. Joseph
Pey-Echt aus Holland, deren Auftritt in Egringen vielen in
nachhaltiger Erinnerung blieb. Zu den besonderen Ereignissen
in dieser Zeit gehört auch die Fußball-Weltmeisterschaft
1990, deren Endspieltermin exakt auf den Sonntag des Musikvereinsfestes
fiel – was sich 2006 wiederholten sollte. Für die
Musiker stellte diese Terminüberschneidung allerdings
kein größeres Problem dar. Sie sorgten, lange bevor
Fanmeile und Public Viewing zu geflügelten Wörtern
wurden, kurzerhand dafür, dass das Endspiel live in der
Kaffeestube verfolgt werden konnte – ein vorgezogenes
"Sommermärchen" quasi, das im Unterschied zum
Jahr 2006 bekanntermaßen einen richtig triumphalen Ausgang
nahm. Der Jahrtausendwechsel brachte im Verein gleich eine
doppelte Veränderung: Ende 1999 legte Otto Hildebrand
seinen Taktstock nieder, so dass man Anfang 2000 auf die Suche
nach einem neuen Dirigenten gehen musste. Nach nur kurzer
"Einarbeitungszeit" gab Heinz Benz sein Debüt
bei einem Doppelkonzert mit dem Musikverein Brombach. Gleichzeitig
übergab auch Hans Grässlin sein Amt als Vereinsvorsitzender
an seinen bisherigen Stellvertreter Marc Braun.
Nur drei Jahre später begab man sich erneut auf die Suche
nach einem Orchesterleiter, wobei Dirigent Heinz Benz auf
einen jungen Dirigenten aufmerksam machte, der aus Argentinien
stammend in der Schweiz studiert hatte und nun im elsässischen
Hegenheim lebte und den dortigen Musikverein leitete. Miguel
Etchegoncelay war es dann auch, der unter den acht Bewerbern
das Rennen machte und mit überwältigender Mehrheit
vom Orchester gewählt wurde. Schon sein Einstieg mit
dem Platzkonzert im Frühjahr 2004 stieß bei den
Zuhörern auf große Begeisterung – seine gekonnte
Mischung aus südamerikanischem Temperament, einer weltmännischen
Art und einer erfrischenden Herzlichkeit, die auf eine Neugierde
für Neues und ein beeindruckendes handwerkliches Geschick
treffen, machen ihn zu einem idealen Orchesterleiter. Die
musikalischen Fortschritte, die das Orchester in den vergangenen
vier Jahren gemacht hat, sind unüberhörbar, so dass
man sich gemeinsam auf das bevorstehende Jubiläum und
die weiteren Herausforderungen freut.
Hermann Gerdesmeier (1908-1982)
Ulrich Senf (1983-heute)
Schlußworte (Aus dem Vorwort des im Juli 1926 begonnenen
Protokollbuches von Reinhard Becherer)
" Wir erwarten von den uns folgenden Mitgliedern, daß
sie mit allen Mitteln und Kräften dafür einstehen,
den Verein stets zu fördern und zu weiterem Gedeihen
zu führen. Vor allen Dingen niemals den Verein verfallen
zu lassen, was eine Ehrlosigkeit denen gegenüber wäre,
die den Verein gegründet und in den Anfangsjahren so
manches Opfer gebracht haben. Mögen sich stets einige
regsame Männer mit musikalischen Sinn und Charakter finden,
die das schön begonnene Werk fortführen".
Der Musikverein Egringen wird sich für diesen Protokollbucheintrag
immer einsetzen.
Der Musikverein Egringen 1908 e.V. bedankt sich für
die Aufarbeitung der Geschichte unseres Vereins recht herzlich
bei Herrn Hermann Gerdesmeider (1908-1982) und bei Ulrich
Senf (1983-heute).
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